Lindas Lipglosse
Feb 2008

Februar 08


lifta
Guten Tag meine lieben alten, jungen, junggebliebenen, betagten oder neugeborenen Leserinnen und Leser.

Diese Glosse möchte ich nutzen, meinen über Jahre gesammelten Frust loszuwerden. Denjenigen, die viel lieber über den neuesten Klatsch und Tratsch am Mehringdamm lesen würden, möchte ich eins entgegnen: Respekt! Respekt vor dem Alter! Es dauert nicht mehr lange, und eure jugendlich anmaßende Glossographin gehört zu der Zielgruppe "40 plus".
Laut Statistik werden Frauen heute durchschnittlich 80, Männer knapp 75 Jahre alt. In meinem speziellen Fall gehe ich von einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 77,5 Jahren aus. Ich muss kein Uri Geller sein, um zu erkennen, dass der größte Teil meines Lebens schon gelebt ist und dass ich es ab jetzt noch schwerer habe, mein rebellisches - auf ewig jugendlich - getrimmtes Naturell mit meinem nun dahinsiechenden Äußeren in Einklang zu bekommen. Und vor allem - und das ist für mich persönlich das Schlimmste - in der homosexuellen Szene als Oma gelten werde.
Neulich fragte mich eine Freundin, warum ich denn überhaupt so ehrlich mit meinem Alter umgehe. In der Szene - speziell in der Transen-Szene tummeln sich ja gerne Menschen, die zum 10. Mal ihren 20. Geburtstag feiern, oder die vorgeben, ihren Personalausweis verloren zu haben und felsenfest behaupten, sie seien 1980 geboren (mit dem Wissen, 1984 schon auf einer Abschlussfahrt der 10. Klasse in Berlin gewesen zu sein!). Ich antwortete ihr, dass ich wenigstens mit meinem Alter ehrlich sein will - wenn man mir schon nicht glaubt, dass ich "in echt" 24 cm lange Fingernägel besitze und mein blasser Teint Resultat meiner Lichtallergie sei...
Außerdem sei es doch viel netter, gesagt zu bekommen, dass ich mich für mein Alter ganz gut gehalten habe, als der Spruch: "Ich hätte dich aber älter geschätzt...".
Je länger ich über mein Gesagtes nachdenke, umso mehr beschleicht mich das Gefühl, mir eine ebenso dumme, aber in der heutigen Zeit notwendige, Ausrede einfallen lassen zu müssen. Ich werde daran arbeiten.
Auch am Umgang mit der heutigen Jugend werde ich arbeiten müssen. Ich will sie doch verstehen und nicht wie die Generationen vor mir, über sie schimpfen. Aufgrund eines Erlebnisses, welches mir neulich widerfahren ist, glaube ich, dass es eine ziemlich harte Arbeit sein wird, die sicher ein paar Jahre meiner zweiten Lebenshälfte in Anspruch nehmen wird...
Letzte Woche fuhr ich mehrere Tage lang morgens mit der U-Bahn zum Ku'Damm, um meine Frühlings- und Sommer-Garderobe etwas aufzubessern. Auf der Strecke liegt eine Berufsschule und so fuhr ich aufgeschlossene Endneununddreißigjährige täglich inmitten lebhaft diskutierender Nochnichtzwanzigjähriger. Natürlich versuchte ich, den weltbewegenden Dingen unserer Hoffnungsträger und zukünftigen Renten-Finanzierer zu lauschen - doch ganz ehrlich: Ich verstand kaum ein Wort, null, niente, nothing. Das lag nicht etwa an einsetzender Alterstaubheit oder den leeren Akkus meiner Hörhilfen, nein, die nächste Generation um mich herum sprach schlichtweg eine andere Sprache. Zweifelsohne basierend auf dem Deutsch unserer Väter und Mütter, aber mit Ausdrücken, Anglizismen und Redewendungen, deren Bedeutung mir nicht einmal im Klang geläufig waren. Ich war geschockt!
Verstehen wir eigentlich die Jugend noch in des Wortes reinster Bedeutung? Sprechen wir überhaupt noch deren Sprache? Ich behaupte NEIN. Und deshalb habe ich mir PONS „Wörterbuch der Jugendsprache 2007“ gekauft, eine 120-seitige Verständigungshilfe zwischen Alt und Jung, einen 2,99 Euro teuren kommunikativen Brückenschlag zwischen meinem Gestern und dem jugendlichen Heute.
Und anstatt wie bislang meine tägliche Fressnarkose (Mittagsschlaf) geistig komplett offline zu genießen, lese ich nach viel zu langer Zeit wieder einmal. Und siehe da, ganz langsam beginne ich zu rallen (verstehen), wenn es um Intelligenz-Allergiker (Dummköpfe), Kopfgärtner (Friseure), Männerabstellplätze (Bierzelte), Clerasil-Testgelände (Pickelgesichter), Rauchmelder (Pausenaufsicht), Fleischmützen (Glatzköpfe) oder Pimmelkrausen (kurze, lockige Haare), um Affensperma (Bananensaft), Biotonnen (Vegetarier), Krampfadergeschwader (Ansammlungen alter Menschen) und Alimentenkabel (männliches Reproduktionsorgan) geht. Ja, ich erkenne einen Teppichporsche (kleinen Hund) und behaarte Bifis (Dackel) auf den ersten Blick, weiche einem Tonnentäubchen (stark übergewichtige Person) ebenso misse (locker, lässig) aus, wie einem uniformierten Bewegungsmelder (Verkehrspolizisten). Und sollte ab sofort am nächsten Bikerstammtisch ein verluderter (sehr attraktiver), vierlagiger (extrem guter) Top-Schuss (Frau, die sehr gut aussieht) vorbeischnippen (vorbeikommen), mich zufönen (auf jemanden einreden), züngeln (küssen), ja sogar richtig abdrücken (Zungenküsse austauschen) wollen, würde mich das total flashen (begeistern). Ich würde meine Digger (Kumpel) mit ihren Herrenhandtäschchen (Sixpacks) und Weizenspoilern (Bierbauch) glatt stehen lassen, meine Erpelfolie (Gänsehaut) aufbitchen (zurechtmachen, -pudern) und mich vielleicht sogar zum Durchkneten (Sex haben) überreden lassen. Das wäre echt porno (super).

Wir sollten unsere Worte in Zukunft sorgfältiger wählen, und dabei auf deren inzwischen ungeahnt mannigfaltige Bedeutung achten. Vorsicht - bitte mitmeißeln (mitschreiben): Ein Motorrad zu „parken“ hieße, mit ihm Sex zu haben. Die „Umdrehungszahl“ gibt Auskunft über den Alkoholgehalt eines Getränkes, „Vorglühen“ bedeutet, bereits vor einer Party Alkohol zu trinken, ein „Standgebläse“ ist eine sehr kleine Frau, der Ansaugstutzen (ansaugen = küssen) bekommt eine ganz neue, ja beinahe wildromantische Bedeutung und das Wort „Auslaufmodell‘ (Mensch mit schwacher Blase) sollten wir tunlichst nur noch äußerst behutsam verwenden. Auf der Zunge lässt sich die heutige Jugend übrigens nix mehr zergehen, sie nennt das "Fressbrett". Und die Bezeichnung einer Sitzheizung lautet jetzt wohl „Muschi-Toaster“.
Also bitte immer schön cremig (locker) bleiben und niemals vergessen, das Thema muckelig (gemütlich) und entschleunigend (geruhsam) aufzubereiten. Dann wird es die angesprochene Generation in ihren Schnellscheißerhosen (Trainingshose mit Gummizug) vielleicht auch rallen.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine schöne Zeit und mir ein neues Bewusstsein, mit meinem Alter umzugehen.

Eure
Linda von Tennstaedt