Juli 07
15.07.2007 10:53

Liebe Leserinnen und Leser, so oder so ähnlich könnte der Titel meines Buches lauten, wenn ich denn eines schreiben würde.
Nachdem für Serbien die Sektkorken beim Eastern-European-Song-Contest knallten und ich für meine Prognosen dafür eine Niederlage einstecken musste, entschloss ich mich, mich erst einmal für unbestimmte Zeit aus dem Berliner Gesellschaftsleben zurückzuziehen. Wer konnte denn auch ahnen, dass in diesem Jahr weder eine Trick-Kleid-Nummer noch eine Nummer mit grenzwertigen Windmaschinen gewinnen würde. Unter welchem Stein von Stonehenge-Ausmaßen muss man bitte leben, wenn man nicht erkennt, dass diese Veranstaltung mit all ihren Trick-Gesichtern hinkt? Es gab zwar einige Lichtblicke unter all den Künstlern (mal abgesehen von vielen Lordi-Light-Legasthenikern), doch die Dunkelheit konnten diese nicht erhellen.
Vielleicht sollten wir nächstes Jahr unser Lied auf Suaheli mit weißrussischem Refrain und griechischen Sirtaki-Tanzeinlagen präsentieren, damit Deutschland mal wieder gewinnt – oder es zumindest unter die ersten 10 schafft.
Ich ballerte mir also meinen aus silbernem Alu-Leder bestehenden Terminkalender voll mit Terminen, die außerhalb meines bestehenden Umfelds erledigt werden konnten. Im Internet machte ich mich kundig, welche Veranstaltungen in der Provinz noch einen Host (nein, keinen Horst) brauchten und biederte mich in einer beklemmenden Art und Weise bei den Veranstaltern an, damit diese mich auf jeden Fall engagierten. Jetzt weiß ich, wie sich XXX (Name von der Redaktion unkenntlich gemacht) und XXX (Name von der Redaktion unkenntlich gemacht) fühlen, die dies ja schon seit Jahren machen.
Die Resonanz auf meine Anfragen war dermaßen überwältigend, dass ich sicher einen ganzen Monat beschäftigt sein würde, meinen neuen Pflichten nachzukommen.
Ich musste Schützenfeste im tiefsten Bayern eröffnen, eine Bäckerei im Schwabenland bei der Einführung eines neuen Vital-Brötchens unterstützen und zu allem Übel auch noch eine Zeche im Ruhrpott feierlich schließen. Aber ihr wisst ja - in der Not frisst der Teufel Eichhörnchen...
Ein einziges Problem tauchte jedoch auf, als ich bedachte, dass die Glosse ja auch im Juni pünktlich auf den Schreibtisch bzw. den Bildschirm der BarbieBar kommen musste. Ich habe zwar ein Laptop, das ich auf meinen Reisen hätte mitnehmen können, jedoch ist die Akku-Leistung mittlerweile bei 5 Minuten und wer weiß, ob es in den entlegensten Regionen dieses Landes überhaupt Steckdosen gibt.
Spontan fiel mir mein Punker-Kumpel „Etzi“ ein, der vor kurzer Zeit von Sinti- und Romakindern von seinem tollen Arbeitsplatz als Auto-Scheiben-Fenster-Wäscher an der Gneisenaustraße weggemobbt wurde und seitdem wirklich arbeitslos war. Ich kenne ihn noch aus meinen Hessischen Tagen (damals, als wir zusammen das Schloss in Laubach besetzten und Prinz und Prinzessin spielten) und wusste, dass er mit Stift und Zettel umgehen konnte und auch sonst ein ganz Pfiffiger ist. Diese Hilfe im Hintergrund, ließ mich sehr leicht darüber hinwegkommen, dass ich die ganzen hohen Tage (Straßenfest, CSD, Eröffnung des Drama usw.) ortsabwesend sein würde.
Dass Herr Etzi sich jedoch nur halbherzig der Glosse annahm und diese auch noch in eher schlichten Worthülsen formulierte und dann auch noch 2 Wochen verspätet bei mir ablieferte, passte mir gar nicht. Da ich aber keine Anhängerin der Zensur bin, möchte ich euch seine geistigen Ergüsse nicht vorenthalten:
irgend nen samstach im juni:
muss doch mal glotzen, wo meine kleine schrillmaus linda immer hingeht. voll schrill die barbiebar. die farben da sind ja wohl hammer. und da ich keine kohle uff tasche hatte, hat der nette typ hinter’m tresen mir ne punker-brause (leitungswasser, zucker und zitronensaft) für umme gemacht. geil!
siebter juni:
schlafe total lang. heute abend ist die eröffnung von so nem neuen laden am mehringdamm. linda meinte, da müsse ich unbedingt hin. also bin ich da auch hin. ey krass, dass die homos immer so nen geilen farbgeschmack haben. ist ja fast wie bei uns. dieses teil – glaube drama heisst das – ist voll pink. aber mir wäre da zu viel gold drinnen. stehe ja mehr auf blech. es gibt total krass viel getränke. alles kost nix. sauf mir da die hucke zu und werde dann von so nem typen angemacht (dem gehört wohl der nachbarschuppen), als ich draussen in die büsche pinkel. ey, dem brennt wohl der kittel!
16. + 17. juni:
straßenfest am nolli. kann bei nem kumpel in der lützow pennen. habe ich es auch nicht so weit. beim anblick von dem ewig beleidigten gesicht von der künast wird mir übel. die roth und der ober-macker von berlin sind auch da. ey, voll übel! das einzige, was mich happy macht, ist nen plakat an so nem fressstand: „bratkartoffeln werden viel schmackhafter, wenn man sie kurz vor dem servieren durch einen vodka ersetzt.“ sag meinem kumpel bescheid, dass sich das mit dem pennen erledigt hat und verkrümel mich wieder nach x-berg. was linda daran so toll findet, muss ich sie mal fragen.
23. juni:
csd in x-berg und friedelshain. uffn kudamm hatte ich keinen bock zu fahrn. muss immer noch schulden an die bvg abdrücken und keene kohle für die bahn. voll geil der umzug. treffe viele bekannte – ey, krass, dass die alle schwul und lesbisch sind. manchmal werde ich doch neidisch.
ich feier bis fast morgens aufer o-straße. das hätte linda sicher auch gefallen, zumal die leute im franken nach ihr gefragt haben. aber cool, jetzt weiß ich erstmal, in welchem endzeitstress die olle immer steckt.
So, meine Lieben, jetzt wisst ihr, was ich im Juni getan hätte, wäre ich nicht in den Untiefen des Hinterlandes abgetaucht. Ich hoffe, ihr verzeiht mir die kleine Verspätung. Ich werde es auch wieder gutmachen, indem ich euch in der nächsten Glosse von meinem Besuch bei Paris Hilton im Hochsicherheits-Frauen-Gefängnis Twin Towers in Lynwood berichten werde!!! Außerdem gibt es eine haarscharfe Schilderung des Amanda Lear-Abend am Freitag, den 13.07, den uns die Reinhardt-Schwestern aufdrängen und an dem so illustre Gäste wie Emmy Collier, Tussi Ferrari, Candy Garnicht, Trixi von Heute, Ute Nacht, Margot Schlönzke, Gabi Tupper und meine Wenigkeit ihre Interpretationen von Frau Lear zum Besten geben.
Ihr könnt gespannt sein!!!
Etwaige ironische Untertöne in den Beiträgen sind absolut beabsichtigt und kein Zufall.
Eine schöne Zeit und immer daran denken: „Wenn jeder nur an sich denkt, ist eigentlich an jeden gedacht!“
Bis die Tage, eure
Linda von Tennstaedt
