Lindas Lipglosse
Jul 2008

Juli 08

loch
Willkommen, bienvenue, welcome meine lieben zuhause gebliebenen Leserinnen und Leser.

Nach langem, sehr langem Überlegen, nach stundenlangen Diskussionen, nach eingehenden therapeutischen Gesprächen mit den renommiertesten Psychiatern, nach mehrmaligen spirituellen Sitzungen mit anerkannten Medien, nach Konsolidierung wissenschaftlicher Weltkapazitäten und nach eingehender Studie der voraussichtlich eintretenden Wettervorhersage der mitteleuropäischen Gebiete mit dem Schwerpunkt Berlin bin ich total spontan und äußerst kurzfristig zu dem Entschluss gekommen, diese Glosse dem Sommerloch zu widmen.
Ob Fußball-Europameisterschaft, das nahende Anti-Raucher-Gesetz oder einfach der schöne Blick aus dem Fenster daran schuld sind, weiß ich nicht, jedenfalls habe ich seit Tagen kein Thema ausgemacht, das eine Erwähnung wert wäre – deswegen jetzt ein paar Punkte zusammengefasst:

Fußball - It's not my style.
Wir befanden uns 4 Wochen in einer Zeit, in der, würde man ein Mittel gegen AIDS finden, sich keiner dafür interessieren würde und in der ein dritter Weltkrieg nicht weiter auffallen würde. Okay, man müsste evtl. das Stadion wechseln…
Nicht, dass ich groß etwas gegen Fußball an sich hätte. Mir gefällt der Sport zwar nicht, aber er führt zur Völkerverständigung, alle ziehen an einem Strang. Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern umarmen sich bei einem Tor der gemeinsamen Lieblingsmannschaft, die Welt feiert. Jugendliche treffen sich in Fußballvereinen, um miteinander zu kicken, Friede und Freude überall. Das hat schon seine guten Seiten.
Der störende Faktor sind eher die Medien. Jeder versucht für sich, Profit aus der EM zu schlagen. Christina Stürmer, eine Künstlerin, die ich ansonsten wegen ihrer Seriosität geschätzt habe, schreibt die "offizielle Hymne" zur EM, in jeder Zeitung findet sich ein EM-Spezial und Hotels schmücken ihre Zimmer extra mit Fußbällen, um mehr Gäste anzulocken. Man kann kein Radio mehr hören, ohne mit Fußballliedern konfrontiert zu werden, man kann nicht mal mehr zum Bäcker gehen, ohne Brötchen in Fußballform angedreht zu bekommen.
Ich bin gegenüber anderen durchaus tolerant eingestellt und akzeptiere viele Meinungen, ich akzeptiere auch Fußball. Das heißt allerdings nicht, dass alle anderen mich deswegen dazu zwingen müssen, überall nur noch Fußball zu sehen. Habt ihr euch eigentlich mal Gedanken über die armen Insassinnen chinesischer Frauengefängnisse gemacht, die Millionen von Flaggen herstellen mussten?!

Anti-Raucher-Hetze - darauf stecke ich mir doch eine Zigarette an.
Nun ist es auch in Berlin soweit. Bei Sturm, Regen und Temperaturen unter der Gürtelschnalle müssen sich Raucher auf die Straße trollen und sich dort giftigen Abgasen aussetzen. Viel schlimmer sind noch die hämischen Blicke und Bemerkungen der sauberen Nichtraucher, die nun endlich in die rauchfreien Lokalitäten gehen können, wenn sie nur wollten.
Doch das letzte Wörtchen ist noch nicht gesprochen - Nicht in Berlin!!!
Berlin, Berlin, ich rauche in Berlin...
Und bis dahin, abwarten und Tee schniefen.

Jugendwahn - ich stehe zu meinen Stützstrumpfhosen.
Eine Generationengeschichte:
Wenn du als Kind in den 50er, 60er, 70er oder 80er Jahren lebtest, ist es zurückblickend kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten! Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt in strahlenden Farben voller
Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne
Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Flasche mit Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen. Auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm. Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen. Wir bauten Wagen aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dass wir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen
Unfällen klar. Wir verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht einmal ein Handy dabei!
Wir haben uns geschnitten, brachen uns Knochen und Zähne, niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld, außer wir selber. Keiner fragte nach "Aufsichtspflicht". Kannst du
dich noch an "Unfälle" erinnern? Wir kämpften und schlugen einander manchmal grün und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte den Erwachsenen nicht. Wir aßen Kekse, Brot mit dick Butter, tranken sehr viel und wurden trotzdem nicht zu dick. Wir tranken mit unseren Freunden aus der Flasche und niemand starb an den Folgen.
Wir hatten nicht:
Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround-Sound, Computer, Internet-Chat-Rooms. Wir hatten Freunde. Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Straße. Oder wir marschierten einfach zu deren Haus und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht klingeln und gingen einfach hinein. Ohne Termin und ohne Wissen unserer gegenseitiger Eltern. Keiner brachte uns und keiner holt uns. Wie war das nur möglich?
Wir dachten uns Spiele aus mit Holzstöcken und Tennisbällen. Außerdem aßen wir Würmer. Und die Prophezeiungen trafen nicht ein: Die Würmer lebten nicht in unseren Mägen für immer weiter, und mit den Stöcken stachen wir nicht besonders viele Augen aus. Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen.
Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch Prüfungen und wiederholten Klassen. Das führte nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung.
Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Und keiner konnte sich verstecken. Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die Eltern ihn nicht aus dem Schlamassel heraushauten. Im Gegenteil: Sie waren der gleichen Meinung wie die Polizei.
Unsere Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit Risikobereitschaft hervorgebracht. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Mit alldem wussten wir umzugehen.
Hört genau zu, Ihr zugetackerten Technohopser mit Tattoos auf der linken Arschbacke: Ihr wart nicht dabei!
Wir Mitt-Vierziger haben sie live erlebt: die Geburt des Synthesizers und den wahren Soundtrack der 80er, der von Bands wie Depêche Mode ,Cure und Yazoo geschrieben wurde. Wir haben noch mit Midischleifen und
Oszillographen gekämpft! Wir haben euer Tekkno erfunden, bei uns nannte sich das aber noch "Wave" und war tatsachlich Musik.
Wir mussten noch keine Angst haben, dass uns Tina Turner mit dem klassischen Seniorenoberschenkelhalsbruch von der Buhne purzelt und
wir haben Madonna noch mit festen Brüsten und ohne Baby-Pause gekannt, ihr Nasen!
Wir verbinden "Kraftwerk" noch nicht mit Solarenergie und wir hatten noch Angst, dass Joschka Fischer mit der Dachlatte verprügelt wird.
Zu unserer Zeit fielen Break-Dancer auf den Fußgängerzonen noch hin und wieder richtig auf die Fresse und Peter Maffay wurde beim Stones-Konzert noch ordentlich von der Buhne gepfiffen. Wir hatten noch
Plattenspieler (auf 33" und 45") und richtig geile Plattencover, auf denen man die Namen der MUSIKER (und nicht der Programmierer) ohne Lupe
erkennen konnte und die tatsachlich Kunst waren - keine Tempotaschentuch-Größen und einfarbigen Booklets auf denen gerade noch "nice Price" lesbar ist. Für uns war eine LP etwas Heiliges, das gepflegt und geliebt werden musste - und keine CD-Plastik-Wegwerfware, die so robust ist, dass man sie durchaus auch als Bierglasuntersetzer verwenden kann. Bei uns erkannte jeder sein Eigentum noch an den
individuellen Kratzern.
Wir haben kein BB geguckt sondern "Formel 1", wo es eine ganze fette Stunde wirklich gute Musikvideos zu sehen gab, die das Lied untermalten, wir hatten kein MTV mit degenerierten Werbespots nötig. Wir haben uns "Wiedersehen mit Brightshead" reingezogen und schleppten dann
Teddies in Diskotheken und ließen uns die Haare seitlich ins Gesicht fallen - ohne diese beknackten, umgedrehten Baseballmützen oder Wollhauben.
In unseren Hosen konnte man sehen, ob einer einen Hintern hatte, heute hängt der Arsch ja bei jedem von euch in der Kniekehle der ach so tollen
Adidas-Jogginghose. Und die Mädels hatten dicke Möpse und schmale Hüften, und nicht andersrum. Und Bauchfrei machte nur, wer es sich leisten konnte!!!
Bei uns haben sich keine Neonazis mit Türken gekloppt, sondern Punks mit Teds, Teds mit Poppern, Popper mit Ökos und Ökos mit der Polizei.
Bei uns gab es noch Mofas, Kraftis und 80er bei denen durchgängig die Betriebserlaubnis erloschen war, denn das Wort "frisieren" hatte damals noch seine eigentliche Bedeutung, was ihr kahlgeschorenen Pfeifen nie verstehen werdet. Und wer einen Führerschein hatte, fuhr als erstes einen
Käfer, bei dem Dellen von Individualismus zeugten, ihr Opel-Corsa-Popel!
Und weil ihr gerade im Leistungskurs Informatik sitzt: die AC/DC-Einritzungen auf den Tischen sind von UNS - und es geschieht euch nur recht, wenn ihr glaubt, dass die Dinger aus dem Physiksaal kommen, wo irgendein findiger Schüler seinerzeit die Abkürzung für "Wechselstrom/
Gleichstrom" in die Bank gemeißelt hat!

Also erzählt uns nichts über die 80er. Und ja, hiermit entschuldige ich mich, auch im Namen meiner Altersgenossen, für Modern Talking. Das haben AUCH WIR NICHT GEWOLLT!
Wie alt sind wir überhaupt?

In diesem Sinne, eure
(Ich hasse Leute, die mitten im Satz)