Lindas Lipglosse
Sep 2007

September 07

Waage
Guten Tag liebe Anwesende

Aus meinem Marmorkamin lodern die ersten Flammen, mein Duftlämpchen verströmt den neuesten Feng-Shui-Duft und aus meiner Küche riecht es schon herrlich nach selbstgebackenen Keksen. Wenn man den Kalender außer Acht lassen würde, könnte man meinen, es sei schon tiefster Winter. Mir ist es mal wieder gelungen, den Übergang vom Sommer zum Winter geflissentlich zu vernachlässigen. Vor drei Wochen weilte ich noch im sonnigen Hessen und musste Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 24 benutzen, um keinen Sonnenbrand zu bekommen.
Nach der 6. Geburtstagsparty der BarbieBar im letzten Monat verschlug es mich nämlich in heimische Gefilde. Einerseits feierte mein Vater, seit 25 Jahren höchster Richter am Amtsgericht in Frankfurt, sein Dienstjubiläum und andererseits brauchte ich etwas Abstand zu den vielen Party-Nächten in Berlin. Wenn ich ehrlich bin, war es vielmehr mein verletztes Knie, das ich mir bei einem Sturz von der Bühne zuzog und dieses nun bei klarer Luft, leckerem hessischen Essen und liebevoller Umsorgung meiner Mutter besser heilen sollte.
Die Feier meines Vaters, die in einem zu einem Event-Hotel umgebauten Schloss im Nachbardorf stattfand, war alleine schon die Reise wert. Zwar gestaltete sich der Start des Tages etwas schwierig, was ich aber mit meiner großzügig diplomatischen Art übersah. Wie immer fühlte sich meine Mutter genötigt, mir Vorschriften über meine Garderobe zu machen. Alle Outfits, die ich aus meinen drei Schrankkoffern (und das ist wohl für zwei Wochen Aufenthalt wahrlich nicht übertrieben, oder?!) zerrte, waren entweder zu schrill, zu billig oder schlicht gesagt zu nuttig.
Selbst an meinen Handtaschen hatte Mama etwas auszusetzen. In Ordnung, ich vergaß, dass sie einen Blick für sündhaft teure Accessoires hatte und hätte es ahnen können, dass sie meine (für mich sehr schicken) in die Tage gekommen Plagiate durch die Hauswand erkennen würde. Bei dem Thema Handtasche wurden wir uns schnell einig: ich lieh mir einfach eine von ihren unzähligen Chanel-Täschchen und mit dem Fummel machte ich es so, wie vor zehn Jahren. Damals weigerte sie sich vehement, mit mir auf den Abi-Ball zu gehen, nur weil ich mein neongelbes Lackkleid anziehen wollte. Worte wie „Kanarienvogel“ oder „Briefkasten“ musste ich mir damals anhören. Egal! Ich zog das an, was ICH wollte und übersah die beleidigte Miene meiner Mutter einfach. Spätestens nach dem ersten Gläschen Champagner war diese auch vergessen. Ups, ich schweife ab...
Die Räumlichkeiten dieses Schlosses beeindruckten mich sehr. Sie hätten ohne Umschweife die Kulisse in dem weltbekannten Zeichentrickfilm „Die Prinzessin und das Dorfmädchen“ mit Barbie in der Hauptrolle abgeben können. Da, wie schon beschrieben, das Wetter herrlich war, empfing mein Vater seine Gäste auf einer riesigen Terrasse, die einen wundervollen Blick über den liebevoll angelegten Schloss-Garten bot. Ich hielt mich in seiner Nähe auf, was ihn dazu bewegte, mich all seinen Gästen mit den Worten: „Das ist Linda, meine in Berlin wohnende und immerhin 2 ½ Semester Jura studiert habende Tochter“ vorzustellen. Mit der Anzahl der Gäste erhöhte sich auch mein Abstand zu ihm, bis er dieses Vorstellungs-Ritual aufgrund meiner fehlenden Anwesenheit auch unterließ.
Je mehr leckere Alkoholika ich zu mir nahm, umso lockerer wurde leider auch meine Zunge. Ich unterhielt mich mit Hinz und Kunz über meine Kindheit, mein Leben auf dem Lande und darüber, was ich denn jetzt so in Berlin mache. Mit gemischten Gefühlen stellte ich aber nach einiger Zeit fest, dass sich meine Gegenüber nicht wirklich für mich und mein durchgeknalltes Leben in der Großstadt interessierten und sie mir immer mehr versuchten, ihren spießigen Lebensstil aufzudrücken. Nichts, was ich sagte, war mehr richtig, keine meiner Ansichten war auch nur im Ansatz zu tolerieren und als ich keinen Ausweg mehr aus meiner Situation fand, schrie ich aus voller Kehle den Artikel 5, Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland in die versammelte Mannschaft, die aus Richtern, Anwälten und sonstigem dahergelaufenen Pack bestand:
"Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt."
Diese Worte begleiteten mich dann auch noch die restliche Zeit in Hessen, die ich aus nicht näher erklären wollenden Gründen bei meiner Schwester im Taunus verbrachte...
Auch bei meiner Rückkehr nach Berlin klangen mir die Worte der Meinungsfreiheit noch in den Ohren, als ich von der Entlassung der Frau Eva H. erfuhr. Es ist ja in Ordnung, seine Meinung frei äußern zu dürfen, aber bei manchen Personen des öffentlichen Lebens frage ich mich oft, welche Geisteshaltung und welches Sozialverhalten sie treibt, mit ihren Sorgen ins TV zu gehen, sich lächerlich zu machen und ihre intimsten erzkonservativen Ansichten zur Unterhaltung anderer preiszugeben.
Frau H. zeichnet das Bild einer Idylle, die es so nie gegeben hat. Das ist Nazi-Propaganda gewesen! Der Traum von einer bürgerlichen Spießerexistenz mit Haus und Hof und einem einfachen Leben.
Aber in Wirklichkeit sah es anders aus: Im 3. Reich sollte der arische Typ „gezüchtet“ werden. Soldaten mit „besonders guten Genen“ sollten Frauen schwängern, damit eine neue „Herrenrasse“ heranwächst. Die Nazis propagierten eine Welt in der die Frau gehorcht und der Mann hinausgeht in die Welt, um anderen Völkern den Schädel einzuschlagen.
Das Leben der Frau sollte darin bestehen, Kinder zu gebären und die Klappe zu halten, das Haus in Ordnung zu halten, Essen zu kochen und sich ansonsten klein zu halten. Keine Ausbildung, keine Aussicht auf eine Verbesserung der eigenen Situation. Man muss mal hinter die Kulissen schauen und sich dieses Idealbild genauer anschauen. Wer die Hitlerzeit verherrlicht, indem er sagt, wie nett idyllisch da die Werte hochgehalten wurden, der hat nicht mehr alle Latten am Zaun.
Auch hier werde ich wieder das Gefühl nicht los, dass das reines Kalkül von Frau H. ist - Die Aufregung um die Bücher hat dieselbigen verkauft, nicht die inhaltliche Qualität, da ist jede Gebrauchsanweisung für Babysitze gehaltvoller!
Dass Eva H. rechts- oder linksradikal ist, glaubt wohl keiner ernsthaft.
Meiner Meinung nach leidet sie an einer Überdosis Selbstbewusstsein und kann ihrem eigenen Anspruch nicht genügen. Mit derart törichten Aussagen den Verkauf der eigenen, sinnreduzierten Literatur ankurbeln zu wollen, macht den Rauswurf aber moralisch akzeptabel.
Eine Person wie Frau H., die nicht ganz dumm ist und Medienerfahrung besitzt, sollte es eigentlich schaffen, Ihrem Wunsch nach höherer Wertschätzung für Mütter und familiäre Werte Ausdruck zu verleihen, ohne gleich die Jahre zwischen 33 und 45 als positives Vorbild hinzustellen!

Eine andere Person, die eigentlich eine Menge an Medienerfahrung haben sollte, ist Frau B. Spears. Leider stieg ihr ihr eigener Ruhm so zu Kopfe, dass sie heutzutage jeden Tag Gehirnfasching feiert. Anders ist ihr Auftritt neulich im Fernsehen nicht zu erklären. Ihr Comeback-Versuch ging gründlich ins Höschen. Ihre tolle Performance erinnerte mich etwas an meine ersten viertklassigen Auftritte in dritten Hinterhöfen. Gut – ich bin neidisch auf ihre Figur! Trotzdem würde ich mich auch dann nicht in ein glitzerndes Nichts quetschen. Warum hat diese Frau nur so eine Abneigung gegen Oberbekleidung? Und dass sie mehrmals ihren Text vergessen hat, kreide ich ihr auch an. Bei mir ist es nicht anders, aber ich bekomme für meine Auftritte auch nicht tausende von Dollars!!!



Wir sehen uns in der
caffe

Bis denne, eure
lvt