September 08
21.09.2008 07:37

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein...
Liebe Leserinnen und Leser, ich weiß ja nicht, wie Herr Mey auf solch einen Blödsinn kommt, ich zumindest verbinde Freiheit mit etwas Anderem!!!
Nämlich die Freiheit, mir ab und an etwas Außergewöhnliches zu gönnen. Fuhr ich früher zu meinem jährlichen Treffen mit meiner damaligen Clique in Hessen brav mit dem Zug (der Umwelt zuliebe), so entschloss ich mich dieses Jahr, meine Reise mit dem Flugzeug anzutreten (der Luxussucht zuliebe). Ich hatte den Sommer über viel Stress um die Ohren und wollte so schnell wie möglich der Stadt, der Szene und den damit verbunden Widrigkeiten entfliehen. Seuchen und Geburtstage hatten zugeschlagen, so dass ich froh war, diesem Moloch den Rücken zukehren zu können.
So saß ich eines lauen Abends an meinem Computer und war so benebelt von den Gedanken an grüne Wiesen im Sonnenschein, duftenden Kornfeldern und freundlichen Ureinwohnern, dass ich es gar nicht bewusst mitbekam, wie ich mir mit ein paar Mouse-Klicks eine Flugreise von Berlin nach Frankfurt buchte. Geschwängert von dem Geschmack frisch gemolkener Kuhmilch dauerte es ein Weilchen, bis ich auf den Boden der Realität zurückgerissen wurde. Als der Reisepreis von meinem Konto abgebucht wurde, war mir klar, dass ich meinen kleinen Höhenflug nicht mehr rückgängig machen konnte.
Ich, die in ihrem Leben erst sieben Flüge überlebt hatte und sich bei dem Letzen geschworen hatte, nieeeee mehr einen Fuß in ein Flugzeug zu setzen, sollte in zwei Wochen ihr Leben in die Hände eines windigen Piloten geben?! NEVER!
Es musste also eine schnelle, aber wirksame Strategie entwickelt werden, diese Reise doch antreten zu können. Blitzbesuche bei Therapeuten, die auf Flugangst spezialisiert waren, brachten insofern nicht die erhoffte Befreiung, als dass ich nach fünf Minuten schreiend die Praxis verlies, nachdem der Herr Doktor das Wort Triebwerksschaden nur nebenbei erwähnte. Ein eilig anberaumtes Treffen von Mitleidenden wurde von mir genauso eilig wieder abberaumt, als die ersten Idioten damit anfingen, mir ihre persönlichen Horror-Stories auf's Ohr zu drücken.
Erst als ich mir Freuds "Studien über Hysterie" zur Brust nahm, lichteten sich meine finsteren Gedanken und aus Angst wurde Neugierde.
Gegen Ende dieses Wälzers spricht Siegmund von einem Belohnungssystem, das ich auf meine Bedürfnisse zuschnitt und ich mir vornahm, falls ich diese Reise überleben sollte, nach Hongkong zu fliegen. Nicht, dass ich zu dieser Insel eine besondere Affinität besäße, nein, dort werden nur die besten Plagiate von meinen geliebten Chanel-Handtaschen angeboten...
Da saß ich nun in meiner gebuchten Maschine und konnte es nicht erwarten, endlich in die Luft zu gehen. Obwohl mir geschultes Personal einen Platz am Gang empfohlen hatte, entschied ich mich für einen Fensterplatz - schließlich mochte ich doch sehen, WOHIN bzw. WORAUF ich abstürze...
Sämtliche Tippps gegen Flugangst, die ich mir noch schnell angelesen hatte und nun in die Tat umsetzen wollte, scheiterten. Atemübungen waren unmöglich, da meine Lunge pfeifte - Ich hätte vor dem Einchecken nicht zwanzig Zigaretten hintereinander rauchen sollen. Ablenkende Gespräche mit Mitreisenden waren auch nicht möglich, da in meiner Reihe keine Menschenseele zu finden war. Und den Flug nüchtern zu beginnen, klappte auch nicht mehr, da ich am Flughafen drei Weizenbiere trank - in der Hoffnung, diese würden mich schläfrig machen...
Also besonn ich mich auf das Wesentliche und versuchte es mit Ablenkung und ließ meinen Blick durch die Kabine schweifen. Was trugen die Stewardessen? War ihr Fummel aus billiger Kunstfaser? Trugen sie alle Stützstrumpfhosen? Wieso glänzte ihr Make-up, im Gegensatz zu meinem, nicht? War der Steward homosexuell? Wenn ja, woher kannte ich ihn? Wenn nicht, wann wird er sein Coming-out haben?
Ihr könnt euch nicht vorstellen, WIE interessant die Sicherheits-Hinweise in der Tasche am Vordersitz sein können. In Windeseile lernte ich die technischen Fachbegriffe auswendig und im Zählen der Sitzreihen wäre ich sogar Weltmeisterin geworden, gäbe es einen solchen Wettbewerb.
Nach der Startphase, in der ich dachte, mein Herz hätte sich durch meinen Körper und meinen Sitz auf den Schoß meines Hintermannes gebohrt, musste ich mich schnell davon überzeugen, dass ich nicht unter mich gelassen hatte. Dem war nicht so und ich konnte entspannt den Ausblick auf Berlin genießen. Eine seltsame Ungläubigkeit beschleicht einen schon, wenn etwas so gut funktioniert. Als es dann Getränke gab, entschloss ich mich spontan, einen gepflegten Rotwein aus einem noch gepflegteren Plastikbecher zu trinken. Da ich diesen sonst nie zu mir nehme, machte ich es den andren Reisenden nach, die im "wahren Leben" auch keinen Tomatensaft tranken. Als ich das dritte Mal in der Bord-Küche erschien und Nachschub verlangte, schauten die beiden Trutschen mich wie sediert an und erklärten mir, dass es nicht üblich sei, auf Kurzstrecken-Flügen mehr als ein Getränk zu bekommen und dass wir in zwei Minuten landen würden. Ich gab mich geschlagen und gurtete mich schnell wieder an meinem Platz fest. Anders als beim Start musste ich nun krampfhaft aufpassen, meinen Mageninhalt nicht über den Köpfen meiner Vordermänner und -frauen zu versprühen, als der Pilot nach geglückter Landung eine Vollbremsung hinlegte.
Mir als Nicht-Vielfliegerin war es wohl entgangen, dass es nach einer Landung unschicklich war, mit voller Inbrunst zu jubeln und zu applaudieren. Die Blicke der anderen Passagiere, die mein Benehmen wohl als letztklassig und peinlich betrachteten, waren mir jedoch total egal!!!
Ich freute mich, diesen Flug überstanden zu haben und über meinen eigenen Schatten gesprungen zu sein. Ich glaube, auf der Titanic gab es nicht so viel Trennungsschmerz wie bei mir, als ich die Boing 747 verlassen musste...
In diesem Sinne - bleibt stark!!!
Eure
Linda von Tennstaedt
